Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche

Auszeichnung für Engagement in der Suchthilfe

Kay Hansen und Klaus Leuchter erhalten die Verdienstmedaille – Feierstunde in Husum


Husum. Für ihr ehrenamtliches Engagement in der Suchthilfearbeit seit mehr als zwei Jahrzehnten sind Kay Hansen aus Flensburg und Klaus Leuchter aus Sieverstedt mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen überreichte die Auszeichungen in einer Feierstunde im Schloss von Husum. Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit war die Arbeit für abhängigkeitserkrankte Handwerker im Rahmen des Handwerkerfonds Suchtkrankheit e.V., dessen Gründung Klaus Leuchter im Jahr 1989 gemeinsam mit Hans Christian Lorenzen vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) im Handwerkskammerbezirk Flensburg initiiert hatte. Zudem wirkte Klaus Leuchter am Aufbau eines landesweiten Netztwerkes von Handwerkerarbeitskreisen mit, in denen sich trockene Alkoholiker um erkrankte Handwerkskollegen kümmern. Kay Hansen und Klaus Leuchter sind der Arbeit des KDA seit langem eng verbunden.

Ordenverleihung

Das Bild zeigt (von lks.) Hans Christian Lorenzen, Geschäftsführer des Handwerkerfonds Suchtkrankheit e.V., Kay Hansen, Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, Klaus Leuchter und KDA-Pastor Harald Schrader, Flensburg.

 

 

„Sich mit unfairer Behandlung nicht abfinden“

Beschäftigte von Quelle contact protestieren gegen Schließung
von Call-Center in Pattburg/Dänemark
Ansprache von Pastor Harald Schrader, KDA-Flensburg
18.Februar 2008

Die Schließung des Call-Centers von Quelle contact im dänischen Pattburg ohne Abfindung für die meisten der über 300 Festangestellten sei ungerecht und unfair, sagte Pastor Harald Schrader in einer Solidaritätsansprache vor rund 80 Beschäftigten. Es sei gut und richtig, sich gegen diesen Umgang zu wehren und öffentlich zu protestieren.

KDA vor Ort - hier in Padborg

Foto: Marc Euler


Die Ansprache im Wortlaut   

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich bedanke mich für die Einladung, bei dieser Solidaritätskundgebung zu Ihnen sprechen zu dürfen. Solidarität ist ein anderes Wort für tätiges Verantwortungsbewußtsein, für Gemeinsinn, für Nächstenliebe. Mein Name ist Harald Schrader, ich bin Pastor im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt der Nordelbischen Kirche. Ich überbringe Ihnen die herzlichen Grüße der Flensburger Pröpstin Carmen Rahlf.

Öffentlicher Protest – ein starkes Zeichen der Solidarität
Diese Kundgebung hier auf dem Betriebsgelände ist ein starkes Zeichen der Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen, die – wie Martin Zwirnke schon gesagt hat – in eben dieser Stunde in der Nikolaikirche in Leipzig zusammenkommen, um gegen die Schließung von Call-Centern der Karstadt-Quelle-Unternehmensgruppe in verschiedenen Gegenden Deutschlands zu protestieren. Schließung bedeutet Arbeitslosigkeit, finanzielle und soziale Not, eventuell Arbeit in einem der neugegründeten Call-Center zu noch schlechteren Bedingungen. Die Stimmung hier in Padborg, so habe ich erfahren, ist geprägt von Gefühlen der Unruhe, der Wut und Enttäuschung. Die meisten von Ihnen fühlen sich vor allem hilflos. Sie spüren, Sie können eigentlich gar nichts tun gegen die Pläne der Geschäftsleitung. Manche von Ihnen sind doppelt getroffen. Wenn der Partner oder die Partnerin bei Motorola beschäftigt ist oder war, dann sind bald beide arbeitslos. Diese Vorstellung läßt die Angst in die Herzen kriechen.

Diese Kundgebung hier ist ein starkes Zeichen der Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen in Leipzig auch deshalb, weil die hiesige Geschäftsleitung es nicht gestattet hat, daß die Kolleginnen und Kollegen für eine Viertelstunde, für 15 Minuten, unbezahlt Pause machen und aus der Leitung gehen. Dieses Verhalten wirft Fragen auf nach der Unternehmenskultur in dieser Firma. Die Kolleginnen und Kollegen in Leipzig tagen in dieser Stunde nicht irgendwo in Leipzig, nicht in irgendeiner Kirche. Sie haben sich in der Nikolaikirche versammelt, in dem weltberühmten Wahrzeichen der Wendezeit. Es war genau dieses Gotteshaus, in dem Bürgerinnen und Bürger 1989 für die Menschenrechte demonstriert haben, die ihnen über Jahrzehnte in der DDR vorenthalten worden sind. Diese Menschenrechte haben sie sich durch die Wiedervereinigung erkämpft. Diese Menschenrechte werden von unserem Grundgesetz geschützt. In den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes sind die Grundrechte verbürgt. Darauf können wir uns in dieser Demokratie verlassen.

Es gibt ein Menschenrecht auf wertschätzenden Umgang und faire Behandlung
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt aber auch Grund- und Menschenrechte, die nicht von der Verfassung geschützt werden, Rechte, die in einem demokratisch organisierten Gemeinwesen eigentlich selbstverständlich sein sollten, vielen Berufstätigen jedoch leider immer öfter vorenthalten werden. Ich meine das Menschenrecht auf wertschätzenden Umgang, das Menschenrecht auf faire Behandlung und angemessene Bezahlung. Das beinhaltet das Recht auf ein Mindestmaß an sozialer Sicherheit und den Anspruch, von denen, die in einem Unternehmen Verantwortung tragen und eine Fürsorgepflicht haben, nicht ausgetrickst zu werden. Für diese Rechte müssen wir streiten und dafür müssen Sie kämpfen. Und darum ist es gut und richtig, daß Sie hier sind, um die Öffentlichkeit darauf hinzuweisen, daß Ihnen Unrecht geschieht, daß Sie nicht anständig und nicht fair behandelt werden, sodern einfach rausgeschmissen werden – Sie haben um einen Sozialplan ersucht – abgelehnt, denn das dänische Recht sieht das nicht vor. Möglich gewesen wäre es natürlich. Sie haben Abfindungen gefordert - abgelehnt. Es ist gut und richtig, daß Sie sich damit nicht abfinden. Die dänische Rechtsprechung deckt das Verhalten der Geschäftsführung. Doch ich bin sicher: Kein dänisches Unternehmen würde sich gegenüber dänischen Beschäftigten so verhalten wie es Ihnen ergeht.

Call-Center – Symbole globaler Kommunikation
Kolleginnen und Kollegen, Sie sind, denke ich, realistisch genug, um zu wissen, daß ein Call-Center kein Traditionsunternehmen ist wie ein Stahlwerk oder eine Zementfabrik, für deren Erhalt eventuell eine ganze Region kämpft. Call-Center sind ja geradezu das Symbol einer neuen, einer faszinierenden globalen Kommunikation. Sie sind Kommunikationsfachleute, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich darauf verstehen, Kundenwünsche zu vollster Zufriedenheit zu bearbeiten, Verägerte zu besänftigen, die Markenbindung der Kunden zu vertiefen. Freundlichkeit, Sachkompetenz, Geduld, Ausdauer, Einfühlungsvermögen, das sind Fähigkeiten, die Sie beherrschen. Um im Center erfolgreich zu telefonieren, und das tun Sie, muß man „gut draufsein“, man muß dahinter stehen, muß man auch ein wenig sein „Herz durch die Leitung senden“. Das gelingt nur, wenn das Betriebsklima stimmt. Und das ist bei Ihnen ja der Fall, wie mir Martin Zwirnke eindrucksvoll geschildert hat. Sie sind im Call-Center-Verbund von Karstadt/Quelle stets mit die Besten. Sie haben bei den internen Qualitätsauswertungen bestens abgeschnitten. Sie wollten Leistung bringen und Sie haben Leistung gebracht.

Eine Abfindung zu verweigern, ist kränkend und entwürdigend
Und jetzt, da das Call-Center geschlossen wird, haben Sie eine Abfindung erbeten, gefordert. Vergeblich. Sie sind Kommunikationsexperten, aber Sie werden behandelt wie Schachfiguren, die auf dem Spielfeld des Managements überflüssig geworden sind. Sie kriegen die Rote Karte gezeigt, sie können gehen. Dieses Verhalten ist ungerecht, es ist kränkend, es ist entwürdigend. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber die Bürde des Menschen ist durchaus antastbar. Wir brauchen uns nicht alles gefallen lassen.

Und auch wenn Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, den Gang der Dinge nicht aufhalten können, ist Ihr öffentlicher Protest ein starkes Zeichen. Indem Sie auf Ihre Situation öffentlich hinweisen, verändert sich diese Situation bereits. Denn nichts zu sagen, nur stille zu halten und zu schweigen, das wäre gefährlich. Weil dann jene Recht behielten, welche die Würde ihrer Beschäftigten gering achten, weil dann jene triumphierten, für die Mitarbeiter nur lästige Kostenfaktoren auf zwei Beinen sind, weil dann jene die Oberhand behielten, für die Menschen Arbeitskräfte auf Abruf sind, deren Löhne man beliebig drücken kann mit der Drohung, sie gegen billigere Arbeitskräfte auszutauschen. So darf es nicht sein, daß das Berufs- und Lebensglück der Menschen verschlissen wird von jenen, die die Würde ihrer Beschäftigten beschädigen. Darum ist es richtig und wichtig, den Mund aufzumachen. Ich möchte diesen Appell illustrieren mit der Aussage eines Betroffenen:
„Als mein Kollege entlassen wude, sagte ich nichts, ich hatte ja noch Arbeit. Als Hartz-IV eingeführt wurde, sagte ich nichts, ich war ja nicht betroffen. Als die Gebühren für Kindergärten erhöht wurde, sagte ich nichts, meine Kinder waren schon in der Schule. Als sie das Schulgeld einfühten, sagte ich nichts, meine Kinder hatten ihren Schulabschluß. Als sie dabei waren, meine Kinder nicht auszubilden, ihnen die Lebensqualität und Perspektive nahmen, mußte ich etwas sagen. Plötzlich war ich allein. Warum?“
Was Ihnen hier in Padborg widerfährt und ihren Kolleginnen und Kollegen in Leipzig, in Chemnitz, in Essen, Magdeburg und Berlin – das ist ungerecht und unfair. Das ist eine fahrlässige Mißachtung des Gebots von sozialer Gerechtigkeit. Sie haben Abfindungen gefordert. Es geht dabei um Beträge, so nehme ich an, in einer Größenordnung von einigen hunderttausend Euros. Diese Abfindungen, die der Konzern Karstadt/Quelle sicherlich problemlos aufbringen könnte, werden ihnen verweigert.

Das Kapital gilt immer mehr, die Arbeitskraft der Menschen immer weniger
Ihre Situation hier in Padborg und die vergleichbare Erfahrungen vieler Berufstätiger in diesem Lande, die ihren Job verlieren, obwohl die Unternehmen gesund sind und gute Gewinne erwirtschaften – und auf der anderen Seite die fast täglichen Meldungen und Berichte über verantwortungslose Manager, die skrupellos Milliarden von Euros verspekulieren oder sich sonstwie bereichern. Diese Situation im Februar 2008 kann berechtigte Zweifel aufkommen lassen, ob unsere Wirtschaftsordnung noch das Siegel „soziale Marktwirtschaft“ verdient oder nicht. Die Balance jedenfalls zwischen wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und sozialem Ausgleich ist zumindest in Gefahr. Das Kapital gilt immer mehr, die Arbeit der Menschen immer weniger. Diese Entwicklung ist bedenklich.

Die großen Kirchen haben sich immer wieder für eine Marktwirtschaft ausgesprochen, die sich um soziale Gerechtgkeit bemüht und damit auch um die Begrenzung der Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Oben und Unten. Denn das höchte Gut, das wir in diesem Lande zu verlieren haben, ist der soziale Friede, um den uns viele in der Welt beneiden.

Die Soziale der Marktwirtschaft ist zunehmend bedroht
Die soziale Marktwirtschaft hat uns über Jahrzehnte Wohlstand beschert, von dem mehr oder weniger alle Bevölkerungsgruppen profitiert haben. Jetzt scheint es, als wandle sich die Soziale Marktwirtschaft in eine Drei-R-Wirtschaft: rücksichtslos, rabiat, radikal. Der Stärkere setzt sich durch, der Schwächere bleibt ohne Chance. So darf es nicht werden, so darf es nicht sein. Eine Boulevard-Zeitung überraschte am Sonnabend ihre Leser mit einer Überschrift von fast biblischer Wucht: „Jetzt zittern die Reichen“. Gemeint waren jene, die ihre Vermögen am Finanzamt vorbei in Lichtenstein angelegt haben. So eine Überschrift könnte schon zu stiller Schadenfreude verleiten. Guck mal, jetzt endlich sind die dran, die immer nur an sich gedacht haben. Ich gestehe, ich möchte nicht, daß die Reichen in diesem Lande zittern. Wer zittert, hat Angst, fürchtet sich vor der Zukunft. Das ist eine beklemmende Vorstellung. Nein, das möchte ich nicht. Ich wünsche mir, daß die Reichen in diesem Lande, und davon gibt es mehr als man denkt, ihre soziale Verantwortung wahrnehmen und ganz einfach ihre Steuern zahlen, so wie wir das alle tun. Dann brauchen sie auch nicht mehr zu zittern.

Trotz allem zuversichtlich und hoffnungsfroh bleiben
Liebe Kolleginnen und Kollegen, in Gedanken sind wir bei den Kolleginnen und Kollegen in der Leipziger Nikolaikirche. Wir hoffen, daß der Protest, der sich in Leipzig und hier in Padborg zu Worte gemeldet hat, nicht wirkungsvoll verhallt. Bleiben Sie zuversichtlich, bleiben Sie hoffnungsfroh. Werden Sie nicht bitter. Nutzen Sie die Chancen, die sich Ihnen bieten. Man kann sie zwar um Ihre gerechte Abfindung bringen, aber Ihre Würde kann Ihnen niemand nehmen. Sie haben hier hervorragende Arbeit geleistet und tun das noch immer. Das wissen alle, auch jene, die Sie dafür loben und Ihnen zugleich den gerechten Lohn dafür vorenthalten. Zum Abschluß will ich noch einmal einem Langzeiterwerbslosen das Wort geben, der in prophetischem Geist geschrieben hat:
„Erst wenn die letzte Sozialleistung gestrichen, die letzte Rente abgeschafft und der letzte Arbeitnehmer gekündigt ist, werdet ihr merken, daß niemand eure Produkte kauft und ihr euer Geld nicht essen könnt.“
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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