Wort zum Tag der Arbeit 2008
Schleswiger Nachrichten (3.Mai 2008)
Gute Arbeit ist drin
Dass Christi Himmelfahrt am 1.Mai gefeiert wurde und damit auf den "Tag der Arbeit" fiel, war ein einmaliges kalendarisches Zusammentreffen in unserem Jahrhundert. Zuletzt gab es das 1913. Erst im Jahre 2160 wird es wieder diesen "Doppelfeiertag" geben, dessen Symbolik sich abbildet im Kreuz Christi. Himmelfahrt steht für die vertikale Dimension des Glaubens, für das Bekenntnis zu dem Gott, der in Jesus Christus allen Menschen Würde und Ansehen zuspricht, unabhängig von Aussehen, Einkommen oder sozialem Status. Der "Tag der Arbeit" steht für die horizontale Dimension des Glaubens, für unseren Auftrag, die Welt verantwortlich mitzugestalten und einzutreten für soziale Gerechtigkeit und einen fairen Interessenausgleich.
Dies ist leichter gesagt als getan. Die Bedingungen von Arbeit haben sich deutlich verschlechtert. Der DGB hat darauf reagiert mit seinem 1.Mai-Motto: "Gute Arbeit muss drin sein!" Gute Arbeit. Das ist Arbeit, die ihre Frau und ihren Mann ernährt und natürlich die Kinder. Das ist Arbeit, die Freude macht und einen am Abend zufrieden sein lässt. Gute Arbeit. Das ist Arbeit, die Anerkennung findet, weil sie Güte hat und Qualität. Der Arbeiter ist seines Lohnes wert, heißt es in der Bibel. Dabei spielt es keine Rolle, welche Tätigkeit jemand ausübt. Anständig bezahlte Beschäftigte arbeiter gern, sie sind motiviert und engagiert. Es gibt noch weitere Faktoren für gute Arbeit. Etwa das Betriebsklima oder die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Gute Arbeit muss drin sein! Richtig. Gute Arbeit ist drin, weil die Würde des Menschen unantastbar ist und unteilbar.
Christi Himmelfahrt und "Tag der Arbeit" - das passt zusammen, nicht nur im Jahr 2008. Denn genau so läßt sich gut leben: Mit dem weiten Himmel über uns und festem Boden unter den Füßen, mit Gottvertrauen im Herzen und der Freude am Engagement für die Menschen auch in der Welt der Arbeit.
Archiv
Beiträge zum Tag der Arbeit 1991 - 2007
veröffentlicht in den "Kieler Nachrichten"
von Pastor Harald Schrader, KDA
Wort zum Tag der Arbeit 2007
Mehr verdienen
Eine tiefe Kerbe im Logo des DGB zum "Tag der Arbeit" scheint das diesjährige Motto einprägsam unterstreichen zu wollen: "Du hast mehr verdient! Mehr Respekt. Soziale Gerechtigkeit. Gute Arbeit."
Mehr Respekt: Das hat etwas mit Wertschätzung der Arbeitnehmer zu tun, die neben fachlichen und sozialen Kompetenzen eine Fülle von Lebenserfahrung, Lebensfreude und Engagement täglich mit an ihren Arbeitsplatz bringen.
Soziale Gerechtigkeit: Für sich selbst und seine Familie vorsorgen kann nur der, dessen Verdienst über dem Alltagsbedarf liegt. Angesichts der Preissteigerungsraten haben die Lohn- und Gehaltserhöhungen der vergangenen Jahre nicht zu einem Wachstum der Real- einkommen geführt. Solche Gerechtigkeitslücken könnte das DGB-Logo in unser soziales Gewissen "einkerben": Vergesst nicht, dass die demokratische Gesellschaft steht und fällt mit der Zustimmung ihrer Bürger. Die aber ist abhängig von den Teilhabechancen jedes einzelnen an Bildung und Ausbildung, an Arbeit und Einkommen.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sagt die Bibel. Für Beschäftigte heißt das: Sie brauchen mehr als ein angemessenes Einkommen. Sie brauchen ein gutes Betriebsklima, Mitbestimmungsrechte, Kollegialität untereinander und transparente Kommunikationsstruk- turen zwischen Belegschaft und Geschäftsführung. Mit zwei Worten: Gute Arbeit.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 2006
Lebenschancen globalisierenWas ist der Mensch? Ein geistbegabtes Wesen, sagen die Philosophen. Ein Produktionsfaktor, meinen die Ökonomen. Ein Kostenfaktor auf zwei Beinen, behaupten die Neoliberalen. Ein Geschöpf Gottes, bekennen die Theologen. Sie berufen sich auf die biblische Überlieferung, nach der die Würde eine Frucht der dem Menschen verheißenen Gottesebenbildlichkeit ist.
"Deine Würde ist unser Maß", so das diesjährige Motto des DGB zum Tag der Arbeit. Würde und Ansehen müssen geschützt werden. Dazu bedarf es bezahlter Erwerbsarbeit, damit die Menschen sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. Dazu bedarf es der Mitbestimmung der Arbeitenden im Prozeß des Wirtschaftens. Denn diese sind keine Befehlsempfänger, wohl aber mitdenkende und mitverantwortliche Beschäftigte, die mit ihrem Wissen und Können Lebenszeit und Lebenskraft in die Unternehmen einbringen.
Wer unfreiwillig arbeitslos wird, büßt unweigerlich einen Teil seiner Würde und seines Ansehens ein. Viele tragen schwer an dieser Demütigung und versuchen, vom Lebensglück zu retten, was zu retten ist. Der einzelne "Arbeitskraftunternehmer" ist wehrlos im globalen Wettlauf um immer günstigere Produktionsstandorte mit immer geringeren Löhnen, höheren Kapitalrenditen und immer maßloseren Managergehältern.
Die Globalisierung darf keine Entschuldigung sein für fehlendes politisches und sozialstaatliches Handeln. Was wir brauchen, ist eine Globalisierung der Lebenschancen durch verbindliche Spielregeln zur Sicherung von Menschen- und Arbeitnehmerrechten. Dann bleibt auch die Würde des einzelnen gewahrt.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 2005
Würde zeigen
"Ora et labora" - bete und arbeite. Der alte Lehrspruch des Mönchswesens passt gut zum Tag der Arbeit, der in diesem Jahr auf den Sonntag Rogate fällt. Rogate ist eine Aufforderung: "Betet, bittet!" Beides gehört in christlichem Verständnis zusammen: Das Arbeiten und das Beten, das Tätigsein und ein auf Gott gerichtetes Innehalten.
Es mag sein, dass ich es in der Tiefe meines Herzens spüre, es mag sein, dass Kollegen und Vorgesetzten es mich spüren lassen: Meine Arbeit wird wertgeschätzt, meine Leistung wird anerkannt. Ich bin keine Nummer und werde auch nicht als ein Kostenfaktor auf zwei Beinen behandelt. Genau darum geht es an diesem 1.Mai, um den Wert und die Würde eines jeden Menschen. Biblisch ausgedrückt: Meine Würde ist unverlierbar, weil ich Gottes Geschöpf bin. Dem Betenden wird dies zur Gewißheit.
Die Lohndrückerei, unter der immer mehr Arbeitnehmer leiden, die Bereitschaft, aus Angst vor Entlassung auch erkrankt zur Arbeit zu kommen oder den Arbeitsunfall gar nicht erst zu melden; der kalkulierte Arbeitsplatzabbau um der Rendite willen bei gleichzeitiger Erhöhung von Vorstandsgehältern: Das alles beschädigt die Würde und das Selbstbewußtsein der Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit ihrer Hände und ihres Kopfes Arbeit verdienen und nicht auf Vermögen zurückgreifen können.
Patrioten sind darum all jene zu nennen, die den Standort Deutschland stärken und hier investieren, die als Arbeitgeber für verläßliche Einkommen und soziale Leistungen sorgen und als Arbeitnehmer Können und Kreativität engagiert in das Unternehmen einbringen.
Das Motto des 1. Mai ermahnt alle Akteure des Wirtschaftslebens, sich am Maß des Menschenlichen zu orientieren: "Du bist mehr. Mehr als eine Nummer. Mehr als ein Kostenfaktor. Du hast Würde. Zeig' sie!"
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 2004
Europa fühlen
Europa wächst zusammen. Zehn Länder mit mehr als 70 Millionen Menschen gehören ab morgen zur Europäischen Union. Ein Grund zur Freude, gewiß. Aber auch Anlaß zu mancherlei Sorge: Die Beitrittsländer sind auf die wirtschaftliche Unterstützung der Gemeinschaft angewiesen. Und wir möchten unsere sozialen Standards und das Lohnniveau halten. Geht das zusammen? Es wird viel getan werden müssen, um bei uns den Wettlauf in Dumping-Löhne zu verhindern und gleichzeitig die Abwanderung von Betrieben nach Osteuropa zu stoppen. Wird das gelingen?
Mit dem Motto zum Tag der Arbeit erinnert der Deutsche Gewerkschaftsbund an gemeinsame europäische Grundwerte: "Unser Europa - frei, gleich, gerecht". Was können wir tun, damit Europa wirklich "unser" wird? Die vergrößerte Gemeinschaft braucht eine Kultur des Vertrauens und den Geist der Partnerschaft. Was kann ich dazu tun? Ich kann mir zum Beispiel überlegen, was ich Gutes über jedes einzelne Beitrittsland sagen kann. Das wäre ein Anfang, um zu erfahren, wie sich das neue Europa "anfühlt".
Zu den beitretenden Inselstaaten finden sich Hinweise bereits in der Bibel. So war Zypern Station auf der ersten Missionsreise des Apostels Paulus. Und Jahre später weilte er während seiner Überfahrt nach Rom mehrere Monate auf Malta. Dort hat der Apostel nach biblischer Überlieferung etliche Kranke geheilt. Auf Zypern und Malta ist das Evangelium von Jesus Christus gepredigt worden, lange bevor es sich in Europa verbreitete.
Es ist eine glückliche Fügung, daß dem 1. Mai der Sonntag Jubilate folgt. Der Wochenspruch klingt wie eine Verheißung an die Völker Europas: "Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden (2.Korinther 5,17).
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 2003
Immer online?
Tobias Heitmann ist Anfang Dreißig, verheiratet, Vater von zwei noch nicht schulpflichtigen Kindern. Er arbeitet in einem Softwarehaus ohne feste Arbeitszeiten. Er kann kommen und gehen, wann er will. Die Devise im Betrieb lautet: Tut, was ihr wollt, aber seid profitabel! Schon viele Abende und so manches Wochenende hat Heitmann in der Firma verbracht. Auch zu Hause ist er eigentlich nur körperlich anwesend. Geistig befindet er sich noch im Büro. Kürzlich bekam er von der Geschäftsführung einen Stift mit eingebauter Taschenlampe geschenkt, damit er xbetrieblichex Einfälle auch zu ungewönlichen Zeiten, etwa nachts, gleich schriftlich festhalten kann.
Heitmann arbeitet am "Neuen Markt", also dort, wo das Herz der Informationstechnologie schlägt. Der gelernte Software-Entwickler verdient gut, er ist erfolgreich. Ist er ein Glückspilz? Zweifel sind angebracht. Heitmann fühlt sich zerrissen zwischen Beruf und Privatleben. Die Grenzen verschwimmen. Es fällt ihm schwer, abzuschalten; eigentlich ist er immer "online". Nicht nur die Vorgaben der Geschäftsleitung machen Druck. Es ist gerade die Freiheit, die zu Arbeitsverdichtung führt und zu Selbstausbeutung einlädt. Manchmal beneidet Tobias Heitmann insgeheim Kollegen mit festen Arbeitszeiten.
Die neue Freiheit ist jedoch nicht eintauschbar gegen alte Abhängigkeiten. Wer seine Arbeitszeit frei gestalten kann, muss dies auch tun. Freiheit und Zwang verschwistern sich. Die "Entgrenzung" von Arbeitsverhältnissen schafft neue Herausforderungen. Eine davon besteht in der Notwendigkeit, berufliche und familiäre Zeitrhythmen so zu synchronisieren, dass Erwerbsarbeit und Privatleben miteinander versöhnt werden - etwa durch gegenseitige Abgrenzung. Indem ich meine Arbeit begrenze, akzeptiere ich eigene Grenzen. Dies hilft mir, mich als Geschöpf zu verstehen, dessen Würde in Gottes gütigem Zuspruch wurzelt und nicht in dem, was ich oder andere als Erfolg bezeichnen.
Darum ist es gut, wenn Modernisierung am Maß des Menschlichen orientiert bleibt. Darauf zu achten ist Sache derer, die in Staat und Wirtschaft die Rahmenbedingungen vorgeben. Ihnen ruft das diesjährige 1.-Mai-Motto zu: "Menschlich modernisieren, gerecht gestalten".
Pastor Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 2003 (KN Beilage Neumünster)
Bündnisse für Lebensfreude
Da steht sie mit dem Rücken zum Betrachter in lustiger Jeans-Latzhose über dem pinkfarbenen T-Shirt und streckt sich vergnügt in die Höhe. Mit beiden Händen umfasst der rotblonde Wuschelkopf eine Rolle und malt frühlingsgrüne Streifen an die Wand. Das Mädchen hat offensichtlich Freude an ihrem Tun; kein Wunder, es macht einfach Spaß, nach Herzenslust ein Zimmer zu streichen.
Diese Szene ziert das Infoblatt des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zum 1. Mai und illustriert das diesjährige Motto: "Menschlich modernisieren - gerecht gestalten". Im Maiaufruf der Gewerkschaften geht es um die hohe Arbeitslosigkeit und den Mangel an Ausbildungsplätzen in der K.E.R.N.-Region. Der DGB wirbt für "Koalitionen der Vernunft für Ausbildung ".
Wie erleben Auszubildende die Situation? Birte, Geske und Markus von der Walter-Lehmkuhl-Berufsschule in Neumünster haben die Erfahrung gemacht, dass Engagement und Interesse sich lohnen. Zwei Praktika in einer Druckerei reichten der 22jährigen angehenden Medien-Designerin Birte, um problemlos einen Ausbildungsvertrag in einem Verlag zu bekommen. Auch die 17jährige Geske überließ nichts dem Zufall. Im Internet hielt sie nach ausbildungswilligen Buchbindereien Ausschau, telefonierte, schrieb Bewerbungen. Es klappte. Ihre Zukunft beurteilen beide optimistisch: Birte geht davon aus, dass sie übernommen wird, wenn die Gesellenprüfung "passabel" ausfällt. Geskes Betrieb hat viele ältere Mitarbeiter und sucht dringend Nachwuchs. Da kommt sie gerade recht.
Auf einen anderen Lebensweg blickt Markus zurück. Der 37jährige hat schon in verschiedenen Jobs sein Geld verdient, war arbeitslos und lange als Druckereihelfer tätig. Den Betrieben war eine billige Arbeitskraft stets lieber als ein geprüfter Geselle. Dann entschied er sich doch noch für eine Druckerlehre. Seine Zukunft sieht Markus eher im süddeutschen Raum oder im Ausland als im Norden.
Auch das süße Mädchen mit der Rolle wird eines Tages einen Ausbildungsplatz brauchen. "Koalitionen der Vernunft für Ausbildung" sind zugleich "Bündnisse für Lebensfreude". Es geht um die Chance der Jugendlichen, etwas von der Vitalität und "Herzenslust" ihrer frühen Tage mit in das Berufsleben hineinzunehmen.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 2002
Global, aber gerecht
Samantha, die junge Nähern aus Bangladesh, arbeitet unter schlechten Bedingungen in einer Bekleidungsfabrik. Mehr als zehn Stunden täglich, oft sieben Tage die Woche. Überstunden, Lohn unter dem Mindestsatz. Wer krank wird, hat Abzüge, wer nicht genug leistet, fliegt raus.
Danima, die Frau aus den Bergen des indischen Staates Orissas, Angehörige der Adivasis, der Ureinwohner Indiens. Sie lebt zufrieden in ihrem Heimatdort bis zu dem Tag, als Großkonzerne anrücken und das Land in Beschlag nehmen, um für den Export Bauxit abzubauen. Bei der Abfindung werden die Dorfbewohner betrogen, Häuser und Äcker verschwinden. Versprechungen werden gebrochen. Heute leben die Zwangsumgesiedelten in Hütten, ohne Garten und ohne Land.
Was haben Samantha und Danima mit uns in Deutschland zu tun? Beide sind Opfer einer Globalisierung ohne Gerechtigkeit geworden.
Heinz, 42 Jahre, Alleinverdiener mit Frau und vier Kindern, beschäftigt in einer norddeutschen Textilfabrik, bangt um seinen Arbeitsplatz. Teilproduktionen wurden ins kostengünstige Ausland verlagert, die Belegschaft drastisch reduziert. Ein Opfer des globalen Marktes könnte auch Heinz werden, wenn auch auf höherem Niveau als Samantha und Danima. Aber das tröstet ihn nicht, denn das Haus ist noch längst nicht abbezahlt, die Kinder sind schulpflichtig.
Sog. Billiglohn-Länder, die bei uns Arbeitsplätze kosten, sind ein "Standortvorteil" für Frauen wie Samantha und Danima, denn sie haben die Chance, durch ihre Arbeit für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt zu bestreiten. Verzichten wir darauf, Waren aus diesen Ländern zu kaufen - sei es aus Widerstand gegen die Ausbeutung der Menschen dort, sei es zur Unterstützung der heimischen Wirtschaft - könnten wir ungewollt dazu beitragen, daß Frauen wie Samantha und Danima ihren Arbeitsplatz verlieren und in die Prostitution abgleiten.
Wie wir es auch drehen und wenden: Die globale wirtschaftliche Vernetzung macht offenbar, dass die Menschen aller Kontinente voneinander abhängig und aufeinander angewiesen sind. Darum gilt es, die globalen Strukturen gerecht zu gestalten. Gerecht sind sie dann, wenn der Mensch und die von ihm geleistete Arbeit im Mittelpunkt steht und nicht die Vermehrung des Kapitals als Selbstzweck. Gerecht, das war für Jesus von Nazareth die Perspektive der Benachteiligten, der Armen und Unterdrückten. Was für sie gut ist, ist für Menschen überall auf der Welt gut und gerecht.
Es gibt ermutigende Beispiele. Da ist Pedro, Kaffeebauer in Guatemala. Aufgrund guter oder schlechter Ernten schwankte der Rohkaffeepreis erheblich und führte über Jahre zu einem starken Preisverfall. Pedro mußte sich verschulden, die Zinslast stieg. Dann gründeten die Bauern eine Kooperative und schlossen sich dem "fairen Handel" an. Seither verkaufen sie einen Teil des Kaffees zu höheren Preisen nach Europa. Auch Pedro bekommt einen Mindestpreis, mit dem er und seine Familie rechnen können. Es bleibt mehr Geld im Land. So schafft der faire Handel neue Lebenschancen.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 2001
Aufbruch zu Neuem
Ein strahlend blauer Himmel am 1.Mai ist nichts Ungewöhnliches, eher schon seine Verbindung mit aufbrechenden Eisschollen, die nicht so recht in das blütenreiche Farbenspiel dieses Frühlingstages zu passen scheinen. Doch genau diese Motivkombination hat der Bund der Gewerkschaften (DGB) gewählt, um das Motto der diesjährigen Kundgebungen am Tag der Arbeit zu illustrieren "Jetzt aufbrechen - für mehr Beschäftigung".
Was muß aufgebrochen werden? Bevor wir Forderungen an andere stellen, an "den" Staat, "die" Gewerkschaften oder "die" Arbeitgeber rate ich zu einer ehrlichen Selbstbefragung: Wie denke ich über Menschen, die ohne Beschäftigung sind? Wie halte ich es mit gängigen Verallgemeinerungen: "Wer wirklich Arbeit sucht, findet auch welche".Oder: "Die kassieren lieber "Stütze" als sich für ehrliche Arbeit die Finger schmutzig zu machen". Die schwarzen Schafe unter den Arbeitslosen sollten uns nicht dazu verleiten, das Problem zu verdrängen.
Wer sich nur ein paar Minuten Zeit läßt, um darüber nachzudenken, wie er sich fühlte, verlöre er seinen sicher geglaubten Arbeitsplatz, der bekommt eine beklemmende Ahnung von der Ratlosigkeit, die jene ergreift, die über Nacht aus einem bis dahin geordneten Leben gerissen werden und nun erfahren, wie sich vertraute Vorurteile gegen die eigene Person kehren.
Die Verhältnissen beginnen sich zu ändern, indem ich mich ändere. Die in der Alten Kirche Christen werden wollten, empfingen in der Osternacht das Sakrament der Taufe und waren danach "wie neugeborene Kinder" - quasimodogeniti, daher der Name des 1.Sonntags nach Ostern. Wer sich "wie neugeboren" fühlt, vermag auch alteingefahrene Überzeugungen hinter sich zu lassen und aufzubrechen zu Neuem, zum Beispiel zu mehr Solidarität und Gerechtigkeit im eigenen Denken und Handeln.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 2000
Salz der Erde
Wegen seiner lebenswichtigen Bedeutung und seiner Seltenheit galt Salz in früheren Zeiten als wertvolles Gut und häufig auch als Symbol für Lebenskraft. Dies mag der Grund dafür gewesen sein, daß Jesus von Nazareth seine Jüngerinnen und Jünger als xSalz der Erdex bezeichnete. Sie sind damit als Menschen qualifiziert, die in der Lage sind, dazu beizutragen, der Welt ein humanes Antlitz zu geben.
Welche Eigenschaften Jesus vorschwebten, hat er in der Bergpredigt ausgeführt: Es geht um den Einsatz für soziale Gerechtigkeit und ein friedfertiges Zusammenleben, es geht um die Fähigkeit, Barmherzigkeit, Sanftmut und Milde im eigenen Verhalten kenntlich zu machen. Damit beschreibt Jesus ein Lebensverständnis, das die Orientierung am Wohl und Wehe der Mitmenschen auch angesichts der Versuchungen einer egozentrierten Spaß- und Gewinngesellschaft nicht aus den Augen verliert.
"Ihr seid das Salz der Erde!" Dieses Jesus-Wort läßt sich gut auf die Welt des Betriebes übertragen, auf die Menschen, die hier Tag für Tag engagiert und kollegial, einsatzfreudig und leistungsbereit ihre Arbeit versehen. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind die "Würze des Betriebs", weil sie mit ihren Gaben und Ideen und mit ihrer Bereitschaft zur Identifikation mit dem Unternehmen zu dessen Erfolg beitragen.
Wer die Zukunft mitgestalten soll, muß mitbestimmen dürfen. Gesetzlich garantierte Mitbestimmungsrechte sind die Voraussetzung für ein gedeihliches und partnerschaftliches Miteinander von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Nur gemeinsam gelingt es, den globalen Wettbewerb zu bestehen, Arbeitsplätze und Wohlstand zu sichern und dabei die Schonung der Umwelt im Auge zu behalten. Das Motto des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zum Tag der Arbeit bringt es auf den Punkt: "Zukunft braucht alle Köpfe - Mitbestimmung gewinnt!"
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 1999
Neues Handeln
Der Kalender fügt es, daß der Tag der Arbeit häufig in der Nähe des Sonntages Kantate liegt. Beide Festtage verbindet ursprünglich die Gemeinsamkeit des Singens. Der Sonntag Kantate erinnert daran, daß der Gesang die fröhlichste Gestalt des Glaubens ist: "Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder". Und der 1.Mai war zu keinem Zeitpunkt ein humor- und freudloser "Kampftag der Arbeiterklasse", sondern immer auch ein Tag der Freude. Da war die Freude über die gelebte Solidarität untereinander, die Freude über die Erfolge der Gewerkschaftsbewegung und die Freude an Gottes schöner Welt. Nach den Kundgebungen begleiteten fröhliche Lieder die Arbeiterfamilien bei ihren Ausflüge in die frühlingsbunte Natur.
Singen kann nur, wer seiner Umwelt offen begegnet. Zu einer Haltung der Offenheit lädt auch das diesjährige 1.Mai-Motto des DGB ein: "Neues Handeln. Für unser Land". Wer neue We- ge einschlagen will, muß sich von Altem verabschieden können. Zum Beispiel von dem Traum der Vollbeschäftigung: Mit einer Ausbildung 40 Jahre lang 40 Stunden die Woche arbeiten. Das wird zukünftig eher die Ausnahme sein, sagen Fachleute. Es gibt viele Modelle, die es wert wären, ausprobiert zu werden: Zum Beispiel: Garantierte Teilzeitarbeit von 20 Stunden pro Woche; so würde Arbeit statt Arbeitslosigkeit finanziert. Oder auch: Er- werbsarbeit im Wechsel mit Gemeinwohlarbeit sowie Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, finanziert durch eine Art von "Grundlohn". Einwände dagegen gibt es genug, etwa: "Das geht nicht" oder "das ist zu teuer". Warum nicht erst ausprobieren und dann entscheiden, ob es geht oder nicht! Das wäre neues Handeln. "Arbeit ist Menschenwürde", sagt Bundesspräsi- dent Roman Herzog. Und: "Der Mensch, der arbeiten will, muß Arbeit bekommen." Um die- ses Ziel zu erreichen, bedarf es unser aller Phantasie und Mut, unser Tatkraft und Zuversicht. Denn darum geht es: Um neues Handeln für unser Land.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 1998
Recht auf Arbeit?
Teldec in Nortorf, Hagenuk in Kiel, Nestlé in Kappeln. Nur drei Beispiele von vielen: Gemeinsam mit ihren Gewerkschaften und Betriebsräten kämpfen Beschäftigte mehr denn je um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Jede Woche lesen wir davon in den Zeitungen, sehen die Fernsehberichte von Protestversammlungen. "Ich kann ja doch nichts tun gegen den ständigen Abbau von Arbeitsplätzen", mag mancher Berufstätiger denken und für sich hinzufügen: "Hauptsache, es trifft nicht mich." Diese Einstellung ist so verständlich wie fragwürdig.
Solidarität und Mitverantwortungsbewußtsein können nicht auf bestimmte Regionen oder Berufsgruppen begrenzt und beschränkt werden. Die von Jesus gebotene Nächstenliebe umschließt immer auch den fernen und fernsten Mitmenschen. Wenn in Kappeln 190 Beschäftigte mit ihren Familien sowie ungezählte Beschäftigte in Zuliefererfirmen durch die angekündigte Schließung des Nestlé-Werkes von Arbeitslosigkeit und damit in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Existenz bedroht sind, darf mir das in Kiel oder anderswo nicht gleichgültig sein. xKappelnx ist mittlerweile überall.
Solidarität mit den Betroffenen, landes- und bundesweit, ist deshalb so wichtig, weil es in unserer Gesellschaft ein individuell einklagbares Recht auf einen Erwerbsarbeitsplatz nicht gibt. Das Grundgesetz schützt das Privateigentum, nicht jedoch die Arbeit. Was bedeutet das für all jene abhängig Beschäftigten, die über kein nennenswertes Eigentum verfügen? Ihr einziger xBesitzx ist ihre Kraft, Fähigkeit und Bereitschaft zur Arbeit. So wird unter Fachleuten die Frage diskutiert, ob nicht ein Rechtsausgleich bestehen musse zwischen der Garantie des Privateigentums und der Gewährleistung eines Rechtes auf Arbeit. Die dem Menschen von Gott verliehene Arbeitskraft kann ja schwerlich weniger wert sein als die dadurch erworbenen Sachen, das Privateigentum. Würde die Arbeitskraft unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes gestellt werden, wäre damit die Einsicht befördert, daß Arbeit ein unabdingbarer Teil der Menschenwürde ist.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 1997
Solidarität und Gerechtigkeit
Aufeinander hören, miteinander beraten, gemeinsam nach Lösungen suchen: Mit diesem Vorsatz haben vor fast drei Jahren die evangelische und katholische Kirche die Öffentlichkeit um Stellungnahme zur "Diskussionsgrundlage" gebeten, die sich mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland befaßte. Das Ziel war eine größtmögliche Beteiligung aller Bevölkerungskreise. Die Bitte fand Gehör: 2.500 Eingaben mit über 25.000 Seiten wurden im gemeinsamen Wort der Kirchen berücksichtigt. Diese große Resonanz hat dazu beigetragen, daß die Kirchen in der Schrift "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" unmißverständliche Positionen vertreten. Dafür vier Beispiele:
1. Unsere Gesellschaft insgesamt dient, was den Schwächsten hilft. Darum ein klares Engagement für die "Armen, Schwachen und Benachteiligten"
2. Eine menschengerechte Marktwirtschaft bedarf nicht nur einer sozialen Steuerung, sondern auch der ökologischen und globalen Ausrichtung. Wir sind den Mitgeschöpfen und unseren Nachkommen verpflichtet. Das ist mit dem Prinzip der Nachhaltigkeit gemeint.
3. Zu überwinden ist die Dominanz von Erwerbsarbeit. Die verschiedenen Formen von Familien- und Gemeinwesenarbeit sowie ehrenamtliche Tätigkeit sind auf stärkere gesellschaftliche Anerkennung angewiesen.
4. Reichtum muß endlich ein Thema der politischen Debatte werden. Der unzutreffende, aber gern erhobene Vorwurf des "Sozialneides" verkennt, daß auch individuell verfügbarer Reichtum gesellschaftlich erarbeitet ist und - ethisch betrachtet - einer Sozialpflichtigkeit unterliegt. Eine regelmäßige Reichtumsberichterstattung sollte daher die Armutsberichte ergänzen.
Gewiß, diese Positionen sind nicht neu, gründen aber auf einem breiteren Konsens als sämtliche kirchlichen Stellungnahmen bisher. Die Kirchen wollen nach eigenem Bekunden keine Politik machen, wohl aber den Handlungsspielraum für Politik erweitern. Diese Gelegenheit sollten die Politiker nutzen, denn es geht in der Tat um's Ganze unterer freiheitlichen, sozialen und demokratischen Grundordnung.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit1996
Höchste Zeit
Renoir in Tübingen, Monet und van Gogh in Wien, Tiepoli in Würzburg, Vermeer in Den Haag. 13 große Ausstellungen derzeit in Europa, überall Riesenandrang und lange Warteschlangen. Was ist geschehen? Offenbar wird hier ein Bedürfnis gestillt, das in der medialen Bilderflut unserer Tage untergeht. Es scheint die Sehnsucht zu sein, einfach innezuhalten und ein Gemälde, also ein Stück gedeuteter Wirklichkeit, zu betrachten und dabei auch etwas über sich zu erfahren. Wem die Zeit dafür nicht zu schade ist, der gewinnt Zeit, denn er schenkt den Dingen ein verweilendes Anschauen, begnügt sich nicht mit einem flüchtigen Blick. Wir müssen langsamer werden, unsere Lebensabläufe entschleunigen, um wieder Zeit zu haben und ihr nicht hinterher zu jagen.
Doch der Trend ist ein anderer: Bewährte Zeitstrukturen wie Feierabend und Sonntagsruhe lösen sich auf, verbunden mit einer wachsenden Vergeßlichkeit für das, was jetzt an der Zeit ist und was nicht. Immer und überal soll alles möglich und verfügbar sein: Um 22 Uhr Schuhe kaufen und frische Brötchen - am am Sonntagmorgen. Die Feiertagsargeit könnte derart zunehmen, daß in nicht ferner Zukunft der Sonntag zumindest in den städtischen Zentren für immer mehr Menshen ein Tag wie jeder andere sein wird. Was damit gewonnen wäre, mögen andere loben. Mich beschäftigt die Fragwürdigkeit dieses Wandels: Das stets und ständig Verfügbare wird rasant von neuen Ansprüchen verdrängt und überholt.
Was ist dagegen zu tun? Vielleicht dies: Die Verlangsamung wagen, sich bekennen zur individuellen Eigenzeit, bereit sein, sich mit Menschen, Dingen, Lebenwesen und Ereignissen aufhalten zu lassen, ohne sich aufgehalten zu fühlen. Mehr Zeit haben - wofür? Für alles, was ständig zu kurz kommt, und zwar ohne die Furcht, selbst dabei zu kurz zu kommen. Ja, es ist höchste Zeit für neue, für langsamere Zeiten!
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 1995
Jesus und die Arbeitswelt
Espelkamp - eine Mittelstadt in Ostwestfalen mit knapp 28000 Einwohnern und einer vielfältigen Holz-, Metall- und Gummiverarbeitungsindustrie. Was in keinem Lexikon steht: Espelkamp ist in der Evangelischen Kiche in Deutschland (EKD) seit genau 40 Jahren ein Synonym für das kirchliche Engagement in der Arbeitswelt. 1955 hat die EKD-Synode in Espelkamp festgestellt: "Gott hat die Menschen auch in der Arbeit zu seinem Dienst berufen. Er will, daß die Güter der Erde und die Produktion der industriellen Arbeit den Menschen dienen und nicht ihre Götze und Herren werden. Auchin der modernen Arbeitwelt ist Jesus Christus der Heiland aller Menschen."
Aus christlicher Sicht kann der Arbeitswelt keine "Eigengesetzlichkeit" zugestanden werden, weil Menschen in allen Lebensäußerungen auf Gott bezogen bleiben. Um die Würde des einzelnen zu schützen, seine Selbstentfaltung durch Mitverantwortung und Mitbestimmung zu fördern und seinem Bedürfnis nach Begegnung und Gemeinschaft zu entsprechen, bedarf es gerade in Industrie und Wirtschaft ethischer Orientierungen. Hier berühren sich kirchliches und gewerkschaftliches Engagement.
Aus gutem Grund hat sich der Rat der EKD kurz nach Espelkamp zur Einheitsgewerkschaft bekannt und damit gegen die neu gebildeten Christlichen Gewerkschaften ausgesprochen. Die christlichen Arbeitnehmer wurden ermuntert, sich in den Organisationen der Einheitsgewerkschaft um eine gerechte gesellschaftliche und wirtschaftliche Ordnung zu bemühen.
Sich für die Anliegen der Menschen in der Arbeitswelt einzusetzen, birgt das Risiko, in Widerspruch zu rein ökonomischen Interessen zu geraten. Daraus resultieren nicht selten ebenso fruchtbare wie explosive Diskussionen. In weiser Voraussicht haben die Kirchenväter das alles wohl schon bedacht, als sie die Synode nach Espelkamp einluden: Die Stadt ist nämlich 1949 auf dem Gelände einer alten Munitionsfabrik gegründet worden.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 1994
Lob der Arbeit
Daß der 1.Mai auf den Sonntag Kantate, dem Tag des musikalischen Gotteslobes fällt, kommt nur alle Jubeljahre vor. Ein schöner Anlaß also, einmal das Lob der Arbeit anzustimmen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn bekantlich kann ja Arbeit, ähnlich wie Arbeitslosigkeit, auch krank machen. Hinzu kommt. Der Begriff Arbeit haat nicht nur im Deutschen einen eher negativen Klang: ob englisch labour, französisch travail oder russisch rabota – immer ist Arbeit gleichbedeutend mit Last und Mühsal.
Die Bibel hingegen weiß nicht nur von schweißtreibender Arbeit der aus dem Paradies Vertriebenen zu reden, sondern ebenso ein Lied von der Freude an der Arbeit zu singen: Den Menschen hat Gott nämlich nicht zu notorischem Nichtstun, wohl aber dazu bestimmt, durch Arbeit sein Menschsein tätig zu bejahen und gerade so am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben – zum Wohler aller und zur eigenen Zufriedenheit. Das Menschenrecht auf Arbeit wird denen jedoch versagt, die mit bezahlter Beschäftigung auch soziale Anerkennung entbehren. Jeder Arbeitende ist seines Lohnes wert, sagt Jesus. Darum darf menschliche Arbeit niemals als eine Ware betrachtet werden. Sie ist mehr als ein xProduktionsfaktorx,sie ist so kostbar wie der Mensch, der sie ausübt.
Das Lob der Arbeit schließt das Lob ihrer Grenze ein. Denn Arbeit bedarf der Unterbrechung. Dazu ist der Feierabend da und - der Sonntag. Er bietet mehr alsZeit zum Ausschlafen und Wiederfitwerden, mehr als den Zwang zum Freizeitstreß. Am Sonntag tritt Gott in unser Leben. Ihm, nicht uns, gehört dieser Tag, dessen festlicher Glanz mit unserem Gotteslob zu tun hat – zum Beispiel am Sonntag Kantate.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 1993
Armut und Reichtum
Ein bettelarmes Mädchen verschenkt sein letztes Hemdchen an einen noch ärmeren Menschen und wird dafür mit lauter harten, blanken Talern belohnt, die wie Sterne vom Himmel fallen. So erzählt es das Märchen vom Sterntaler.
Im richtigen Leben ist das ganz anders. Je weniger jemand hat, desto mehr muß er um seine Rechte kämpfen. Wer darauf verzichtet und seine Armut bescheiden oder verschämt verschweigt, kann nicht auf ausgleichende Gerechtigkeit hoffen. Denn unser Wirtschaftssystem belohnt die Durchsetzungsfähigen. Wer im Wettbewerb nicht mithalten kann, wird über Arbeitslosigkeit schnell zum Sozialfall.
Um seine Fürsorgepflicht gegenüber den sozial Schwachen nachkommen zu können, hat der Staat einen wachsenden Finanzbedarf. Doch die öffentlichen Kassen sind leer. Nun steht der öffentlichen Armut jedoch ein enormer privater Reichtum gegenüber. Wo bleibt dieser? Jährlich sind laut Schätzungen der Deutschen Bundesbank Bargelder in Höhe von 300 Milliarden Mark in die bekannten westeuropäischen Steuerparadiese abgeflossen. Fachleute mögen errechnen, wieviel Milliarden Steuergelder daduch dem Fiskus entgangen sind. Mittel, die für den Aufbau Ost dringend erforderlich wären.
In dieser Situation erscheint die Solidarpaktabgabe für untere und mittlere Einkommensschichten höchst problematisch. Solange in der Wirtschaft im Zweifelsfall nach der Devise "Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren" verfahren wird, sind wohlfeile Appelle von Politikern an die Opferbereitschaft der Bevölkerung wenig überzeugend.
Am "Tag der Arbeit" sollten wir uns daran erinnern lassen, daß das kostbarste Kapital einer Gesellschaft die Arbeitskraft ihrer Bürger ist. Ein verstärkter Einsatz finanzieller Mittel, um alte Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen, wäre eine Zukunftsinvestition in "menschliches Kapital". Sie brächte mit dem Lebensglück von Menschen, die einen gesicherten Arbeitsplatz haben, einen hohen Ertrag.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 1992
Teilen verbindet
"Was habe ich davon?" Diese Frage ist längst zum Maßstab einer Einstellung geworden, die stets zuerst den persönlichen Nutzen im Auge hat. Plädoyers für gesellschaftspolitisches Engagement, ob in Parteien, Verbänden oder Gewerkschaften haben es da schwer, Gehör zu finden. Denn Engagement bringt ja auch Belastungen mit sich. Wozu etwa soll ich Gewerkschaftsmitglied werden, wenn mir die ausgehandelten Tarife auch als Nicht-Organisiertem zugute kommen?
"Teilen verbindet" - das Motto der Gewerkschaften zum 1.Mai ist für mich Ausdruck der Hoffnung auf einen Prozeß gesamtgesellschaftlicher Solidarität zugunsten benachteiligter Bevölkerungsgruppen bei uns, in Europa, in der Dritten Welt. Allerdings muß die Politik sicherstellen, daß die erforderlichen Opfer gerecht und sozial verträglich verteilt werden und den Betroffenen wirklich zugute kommen. Andernfalls schlägt die Hoffnung in Enttäuschung um, und das Teilen verbindet nicht mehr, sondern teilt die Gesellschaft.
"Was habe ich davon?" Hätten die Väter der Gewerkschaftsbewegung so gefragt, gäbe es heute keine sozialen Errungenschaften zu verteidigen. Manchmal sind es zufällige historische Hinweise, die dies eindrucksvoll vor Augen führen: So stieß ich bei einer Harzwanderung unweit der Ortschaft Lautenthal auf einen als "Freiheitsfelsen" bezeichneten Findling. Diese Stelle im Wald diente um das Jahr 1895 Gewerkschaftsführern aus verschiedenen Teilen Deutschlands als geheimer Treffpunkt. Die Nachwirkungen der preußischen Sozialistengesetze Bismarcks unterbanden noch jegliche offene gewerkschaftliche Betätigung. Erst die Vergegenwärtigung der Geschichte hält die Erinnerung daran wach, daß der 1.Mai mehr ist als ein arbeitsfreier Tag.
Harald Schrader
Wort zum Tag der Arbeit 1991
Erfolg durch Solidarität
Ein farbenfrohes Bild bietet der Demonstrationszug, der sich am Vormittag des 1.Mai vom Wilhelmplatz durch die Kieler Inenstadt zum Gewerkschaftshaus bewegt. Die Fahnen der Einzelgewerkschaften neben Transparenten mit sozialpolitischen Forderungen. Etliche Teilnehmer haben ihre Familien mitgebracht. In der Legienstraße herrscht dann Volksfeststimmung. Dieses bunte Bild macht es nicht leicht, sich vorzustellen, daß der 1.Mai nicht immer ein festlich-familiär begangener arbeitsfreier Tag war.
Als die Arbeiter am 1.Mai 1890 erstmals dem Aufruf zu einer Maikundgebung folgten, brachen sie geltendes Recht. Strafrechtliche Konsequenzen, Kündigungen oder Lohnabzüge waren für Jahrzehnte häufig das Schicksal derer, die an gewerkschaftlichen Mai-Veranstaltungen teilnahmen. Trotzdem war der Kampf der Gewerkschaften von Anfang an nicht auf die Interessen der Arbeiterschaft beschränkt. Es ging ihnen stets um die Freiheits- und Lebensrechte aller Menschen. Zahlreiche der uns heute selbstverständlichen demokratischen Grundrechte wie allgemeines, freies und geheimes Wahlrecht oder Arbeitsschutzbestimmungen gehörten zu den ältesten 1.Mai-Forderungen und sind unter schweren Opfern erstritten worden; ebenso der Einsatz für menschenwürdige Arbeitszeiten.
Heute ist der errungene Zeitwohlstand durch die Ausweitung von Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit zunehmend gefährdet. Auf dem Spiel steht die gemeinsame freie Zeit in Familie und Gesellschaft, die durch materielle Anreize nicht angemessen ersetzt werden kann. Ähnliches gilt in Blick auf die "soziale Einheit" des vereinigten Deutschlands. Ob sie gelingt, entscheidet sich nicht allein am Geld. Unser aller Engagement ist unentbehrlich. Die Geschiche des 1.Mai zeigt, daß Solidarität zum Erfolg führt.
Harald Schrader
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