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KDA und DGB diskutierten über die Hintergründe der "großen Krise"

"Die entfesselten Märkte wieder einfangen"
von Harald Schrader

Schleswig. Nach Voraussetzungen, Bedingungen und Lösungsansätzen der Euro-Krise zu fragen, war der Ansatz einer Kooperationsveranstaltung von KDA und DGB im Gemeindehaus Schleswig - Friedrichsberg zum Thema: "Die große Krise - was Sie immer schon mal Ökonomen zur Finanz- und Wirtschaftskrise fragen wollten".
Dr. Ralf Ptak, Privatdozent für Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Nordelbischen KDA, erläuterte die Voraussetzungen der Krise anhand des "strukturellen Krisen-Vierecks". Das Merkmal entwickelter Volkswirtschaften seien gesättigte Märkte, deren quantitatives Wachstum über Industrieproduktion kaum noch steigerbar sei. Der Bedarf an Produkten wie Autos, Kühlschränken, Fernsehgeräten und Sofagarnituren sei weitgehend gedeckt. Diese seit Jahrzehnten beobachtete Wachstumskrise verschärfte sich durch die Entfesselung der Finanzmärkte infolge der Liberalisierung der Finanzmärkte in den Siebziger und Achtziger Jahren.
Weitere Faktoren sind die zunehmend ungleiche Verteilungs- und Vermögensentwicklung sowie eine "orthodoxe Marktdogmatik", die das Vertrauen auf die rationalen Marktkräfte predige, obwohl das Gegenteil offenkundig ist. Die Entscheidungen der Finanzmarktakteure seien vielfach von "Irrationalitäten" bestimmt, die sich aus Trends und Stimmungen speisten, so Ralf Ptak: "Der Herdentrieb ist auch an den Börsen zu beobachten".
Zudem suchen Pensions-und Hedgefonds für ihre immensen Geldvermögen nach immer neuen renditeträchtigen Anlagemöglichkeiten. In einer endlichen Welt mit endlichen Ressourcen ist die Menge erwerbbarer Güter und Immobilien jedoch begrenzt. Da die umlaufende Geldmenge tendenziell unbegrenzt ist, bleibt - in der Logik der Finanzmarktjongleure - nur der Ausweg, durch Schaffung immer komplexerer Finanzprodukte neue Anlagemöglichkeiten zu "originieren". Selbst Fachleuten haben mittlerweile Probleme, die intransparenten Konstruktionen zu durchschauen.
Die Regionsgeschäftsführerin des DGB in Flensburg, Dr. Susanne Uhl, studierte Finanzwissenschaftlerin und Steuerexpertin, erläuterte anschaulich die Funktion von Finanzmarktprodukten und deren wirtschaftlicher Bedeutung. So betrage etwa der Umfang des Derivatehandels zwar ein Vielfaches der Realwirtschaft, habe für diese dennoch eine positive Bedeutung, soweit er nicht der Spekulation diene, sondern als Versicherung genutzt würde. So könnte sich ein Unternehmen durch den Kauf eines entsprechenden Derivats gegen Preisschwankungen auf dem Rohstoffmarkt termingerecht absichern und damit beispielsweise die Garantie erwerben, im Juni 2013 für das dann erworbene Kerosin einen fixen Preis zu zahlen. Weicht der Marktpreis zu diesem Zeitpunkt von dem vereinbarten Derivatepreis nach oben ab, hätte das Unternehmen Geld gespart, weicht er nach unten ab, hätte der Derivatehändler einen Schnitt gemacht.
Was ist zu verändern? Was wir brauchen, da waren sich Susanne Uhl und Ralf Ptak einig, ist ein sinnvolles, qualitatives Wachstum in Übereinstimmung mit Natur und Gesellschaft und orientiert an der Realwirtschaft. Die hohen Staatsschulden im Euroraum sind nicht Folge disziplinloser Staaten und fauler Beschäftigter, sondern Ergebnis einer "asymmetrischen Fiskalpolitik". Staat und Bürger würden durch Schulden belastet, entlastet dagegen Banken und Fonds als Gläubiger. Hier seien Korrekturen im Sinne einer solidarischen Verteilungsgerechtigkeit an der Zeit. Realisierbar sei eine "Abschöpfung großer Vermögen" durch eine zweiprozentige Vermögenssteuer oder als einmalige Vermögensabgabe in Höhe von 30 Prozent.
Zudem muss die Kontrollfunktion über den Bankenverkehr nach Meinung der beiden Experten von privaten Ratingagenturen wieder auf staatliche Institutionen rückübertragen werden. Es ergäbe sich ein inakzeptabler Interessenkonflikt, wenn privatwirtschaftlich betriebene Ratingagenturen gleichzeitig das Bewerten und Beraten von Banken übernähmen. Nötig sei ein unabhängiger staatlicher Finanzmarkt-TÜV. Die entfesselten Marktkräfte durch Regulierungen wieder einzufangen, sei das Gebot der Stunde, meinte Susanne Uhl. Wie schwierig dies sei, zeigten die Versuche, europaweit eine Finanztransaktionsteuer einzuführen. Wünschenswert sei zudem eine begleitende öffentliche Debatte so wie das beim Thema Atomenergie seit 30 Jahren der Fall sei.

KDA und DGB diskutieren

Die Referenten Dr.Susanne Uhl (DGB) und Privatdozent Dr. Ralf Ptak (KDA) mit Moderator Harald Schrader (lks.) im Gemeindehaus Schleswig-Friedrichsberg
Foto: Ulrich Ketelhodt